Wahrnehmung 3
... und Situation Teil 1 von 4



Bis hierher wurde die Wahrnehmung des Menschen aus der Perspektive der Sinnesmodalitäten und der Verarbeitung betrachtet, also von dem einzelnen Menschen als Empfänger einer gesendeten oder übertragenen Information ausgehend.

Abb. 156
Sensor + Verarbeitung + Situation

Wie in der obigen Abbildung dargestellt, umfasst dies aber noch nicht alles, was die Wahrnehmung des Menschen beeinflusst. Leider bleibt häufig unberücksichtigt, dass auch die Situation, in der sich ein Zuschauer befindet, elementaren Einfluss darauf hat, wie eine empfangene Information rezipiert wird. Auch wenn sich der Umgang mit Medien und der Medienkonsum insgesamt durchaus verändern, so wird doch in der Regel niemand den neuen James-Bond-Film auf dem Smartphone während des Autofahrens ansehen wollen und ebenso wird auch das Lernen für eine Prüfung mit besagtem Smartphone während der Fahrt mit dem ÖPNV eher nicht erfolgreich sein.

Eine systematische Betrachtung der Situation, in der ein Zuschauer ein Medium empfängt, ist daher wichtig. Nur so kann die zu übertragende Information in die richtige mediale Form gebracht werden, so dass beim Zuschauer auch die gewünschte Wirkung erzielt wird. Eine solche Systematik wurde mit den Situationen aus "vortechnischer" Zeit in Abschnitt 3.1 mit der "Sit-around-Situation" und der "Steinzeit-Situation" schon begonnen. Diese soll hier nun aufgegriffen und fortgeführt werden.

Die "klassische" Situation: Sit-around

In dieser Situation, die schon in Abschnitt 3.1 eingeführt wurde, spielt Technik keine Rolle. Sender und Empfänger befinden sich in unmittelbarer Kommunikation, stehen oder sitzen sich sozusagen Auge-in-Auge gegenüber.

Abb. 156sit
Sit-around-Situation

Selbstverständlich gelten, wie in allen Kommunikationssituationen, kommunikationspsychologische Einflussfaktoren wie Hörmann [HÖR67] und andere sie beschreiben. Ebenso gilt, trotz der Kürze der Entfernung, auch die Beeinträchtigung des Übertragungskanals nach Shannon und Weaver [SHA48]. Allerdings gehen aufgrund des Fehlens eingebundener Technik diese technischen Einflussfaktoren gegen null und die kommunikationspsychologischen Störungen können durch direktes Nachfragen ausgeräumt werden.

Die Kommunikation läuft ständig und stets. Selbst wenn der Empfänger einmal den Blick vom Sender abwendet, so hört er immer noch das Gesagte. Durch die Direktheit ist die Kommunikation synchron und unverfälscht.

Die Aufmerksamkeit des Zuhörers als Empfänger ist direkt und unmittelbar auf den Erzähler als Sender gerichtet. Die gesendete Information in Form einer Geschichte wird nicht zwischengespeichert und kommt unverfälscht beim Empfänger an. Selbst wenn eine Störung durch einen wie auch immer gearteten Umwelteinfluss eintreten sollte, wird diese direkt durch den Sender oder indirekt durch Nachfragen des Empfängers bereinigt. Ein Informationsverlust ist aufgrund dieser Situation nahezu ausgeschlossen.

Die klassische Situation ist die einzige Situation, in der die Informationserzeugung unmittelbar mit dem Zeitpunkt des Sendens und Empfanges zusammenfällt. In jeder der im Folgenden beschriebenen Situationen kann dies zwar auch der Fall sein, aber es ist viel eher die Regel, dass zwischen der Erzeugung der Information und ihrem Versenden und Empfangen eine Zeitspanne liegt, wie lange diese auch sein mag.

Die "allgemein bekannten" Situationen: Lean-back und Lean-forward

In der Gestaltung technischer Systeme und Interaktionssituationen können zwei Situationen als allgemein bekannt vorausgesetzt werden. Der Ursprung, wo und wann diese Situationen zum ersten Mal genannt wurden ist aufgrund des allgemeinen Bekanntheitsgrades nicht mehr endgültig nachzuvollziehen, allerdings deutet vieles darauf hin, dass diese Situationsbeschreibungen dem Umfeld der Usability und Software Ergonomie von Jacob Nielsen entstammen [NIE94].

Diese Lean-back- und Lean-forward-Situationen dienen in der Regel der Beschreibung der Unterschiedlichkeit von Freizeitsituation und Arbeitssituation. Beide Situationen sind technikgebunden, wobei hier die Technik standortgebunden ist, bei der Lean-back-Situation zum Beispiel im Wohnzimmer, bei der Lean-forward-Situation im Büro. Diese Technik allerdings kann vom Benutzer in beiden Situationen ausgeblendet werden, indem entweder bei laufender Technik parallel gearbeitet wird oder aber die Technik auch gänzlich abgeschaltet wird.

Die Kommunikation zwischen Sender und Empfänger verläuft im Regelfall indirekt und asynchron, was ausdrücken soll, dass der Sender seine kommunizierten Daten speichert und der Empfänger dann darauf zugreift, wenn er die Informationen benötigt. Durch die Kommunikation über einen zwischengeschalteten technischen Kommunikationskanal werden die übertragenen Informationen im Sinne von McLuhan [MCL94] verfälscht. Selbstverständlich kann durch entsprechende Werkzeuge in beiden Situationen die Kommunikation zwischen Sender und Empfänger auch synchron erfolgen. Dies ändert allerdings nichts an der Technikgebundenheit.

Abb. 157
Lean-back-Situation

Abb. 158
Lean-forward-Situation

Die Aufmerksamkeit des Zuschauers als Empfänger ist in diesen beiden Situationen direkt auf das technische Medium gerichtet. Durch die Ansprache ausgewählter Sinnesmodalitäten verfälscht sich die Information hier im Sinne von Hörmann. In beiden Situationen können zudem Umwelteinflüsse den Empfang beeinträchtigen.

Der Unterschied zwischen beiden Situationen liegt in der Situation an sich. Während sich der Empfänger in der Lean-back-Situation entspannt zurücklehnt und in dieser entspannten Lage die Informationen empfängt, ist der Empfänger in der Lean-forward-Situation nach vorn gebeugt und angespannt". Diese Position und die daraus folgende Anspannung haben dann auch Auswirkung auf die Wahrnehmung und insbesondere auf die folgende mentale Verarbeitung der Information.